Gemeinschaftsgarten
Stolpe (Oder) war ein kleines Dorf – und wie so viele kleine Dörfer fehlte es hier an Orte, an denen sich Menschen einfach treffen konnten. Es gab kaum gemeinschaftliche Räume für Austausch, für soziokulturelle Veranstaltungen, für zufällige Begegnungen zwischen Nachbar:innen. In Gesprächen mit dem Ortsvorsteher und vielen Bewohnenden begegnete uns dieser Wunsch immer wieder: Es fehlte ein Ort zum Zusammenkommen.
Gleichzeitig spüren wir in Brandenburg die Folgen des Klimawandels immer deutlicher – zunehmende Dürre, sinkende Grundwasserspiegel, ein Naturschutzgebiet direkt vor der Tür, das Unterstützung braucht. Und mitten in dieser Landschaft stand unser stillgelegtes Betonwerk: grau, industriell, seit Jahren ungenutzt. Ein Ort, der auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von Natur und Gemeinschaft war. Genau da wollten wir ansetzen. Wir verwandelten einen Teil des ehemaligen Betonwerk-Geländes in einen nachhaltigen, gemeinschaftlichen Garten – offen für alle: für die Menschen, die auf dem Betonwerk aktiv sind, für die Nachbarschaft in Stolpe und für unser Vereinsnetzwerk aus Berlin und Brandenburg. Der Garten sollte zwei Dinge gleichzeitig sein:
Ein Garten, der dem Klimawandel standhält Statt eines klassischen Ziergartens entstand ein an Trockenheit angepasstes Ökosystem, das sich weitgehend selbst trägt. Konkret bedeutet das:
- Trockenresistente, heimische und insektenfreundliche Pflanzen, die auch mit weniger Wasser auskommen
- Eine Kräuterspirale als kleines Mikroklima-Biotop
- Regentonnen und ein Selbstbewässerungssystem, damit möglichst wenig Trinkwasser verbraucht wird
- Ein Kiesbeet für Pflanzen, die trockene, steinige Standorte lieben
- Ein Sandarium, in dem bodennistende Wildbienen und Solitärwespen einen Lebensraum finden
- Mehrere Insektenhotels als zusätzliches Zuhause für Nützlinge
Damit wurde nicht nur ein Garten angelegt, sondern auch das angrenzende Naturschutzgebiet gestärkt.
Ein sozialer und kultureller Treffpunkt Bevor hier irgendetwas wuchs, musste aufgeräumt werden – auch Sondermüll aus den Betriebszeiten des Werks wurde beseitigt. Danach entstanden Sitzmöglichkeiten, die den Garten zu einem Ort für gemeinsames Arbeiten, Erholen und Austauschen machen. Von diesem Garten profitieren also mehrere Gruppen gleichzeitig: Anwohnende, die einen Treffpunkt und einen Ort zum Mitgestalten bekamen; unser Vereinsnetzwerk, das einen Raum für Kulturarbeit gewann; und die Natur selbst, durch mehr Lebensraum für Insekten und Wildbienen in einer zunehmend trockenen Region. Wichtig war uns: Der Garten entstand nicht für die Menschen vor Ort, sondern mit ihnen. Deshalb luden wir Bewohnende der Umgebung, Interessierte und unser Netzwerk aktiv dazu ein, den Garten von Anfang an mitzugestalten – von der Planung bis zur Pflege.
Das Projekt lief in drei Phasen ab:
- Planungsphase (15.–21.07.2023): Wir stellten einen ersten Entwurf vor, offen für Rückmeldungen, eigene Ideen und Mitgestaltung. Aus diesem gemeinsamen Prozess entstand der finale Entwurf für den Garten.
- Bau- und Pflanzphase (21.07.–27.08.2023): An sechs aufeinanderfolgenden Sommer-Wochenenden 2023 legten wir gemeinsam Hand an: Wir bauten, pflanzten, richteten Beete ein und errichteten die technischen Systeme für Bewässerung und Beschattung.
- Erhaltungsphase und Abschluss (27.08.–10.09.2023): Verantwortlichkeiten für Gießen, Pflege und Instandhaltung wurden gemeinsam verteilt, Regeln für die Nutzung des Gartens wurden gemeinschaftlich festgelegt. Den Abschluss bildete ein Fest rund um das Erntedankfest – mit Konzert, Picknick und der offiziellen Eröffnung des Gartens.
Am Ende sollte ein Garten entstehen, der wie ein selbstlaufendes Ökosystem funktionierte – robust gegenüber Trockenheit, wertvoll für Insekten und Wildbienen, und nur mit geringem Pflegeaufwand am Leben zu erhalten. Genauso wichtig war der Effekt für die Menschen: Wer den Garten gemeinsam plante, baute und pflegte, übernahm auch Verantwortung für ihn. Über das gemeinsame Gärtnern entstand ein Bildungsprozess zu Klimawandel, Nachhaltigkeit und Naturschutz – aus erster Hand, praktisch erlebt statt nur erklärt. Und aus dem ehemaligen Industriegelände wurde ein soziokultureller Ort, der einen Beitrag zum kulturellen Austausch zwischen Stadt und Land schuf.
Am 06.07.2024 feierten wir mit dem Gartenfest auf dem Betonwerk – mit Live-Musik, Kinderschminken, Spielen, Ablegertausch, Bar und Essen vor Ort.



